Plädoyer für den Religionsunterricht

ÜBER DIE HERAUSFORDERUNG, IM KIND DIE SINNE FÜR GÖTTLICHES ENTWICKELN
Monica Culda, Pfarrerin in Wien

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. ist einer der grössten Träume der Menschheit wahr geworden. Chirurgen aus verschiedenen Ländern berichteten über erfolgreiche Operationen an Menschen, die von Geburt an oder gleich nach der Geburt blind waren. Überraschend waren nicht nur die medizinischen Leistungen an sich, sondern auch die Erfahrungen, die gezeigt haben, wie unser Sehvermögen zustande kommt. Ein bekannter Fall war ein Blindgeborener, dem im Alter von fünfzig Jahren Hornhauttransplantate eingepflanzt wurden. Er hatte vorher eine Blindenschule besucht, war ein geschätzter Handwerker geworden. Er war in der Lage für sich selbst zu sorgen.

Nachdem genügend Zeit nach der Operation vergangen war und die Augen geheilt waren, wurden die ersten Untersuchungen seines Sehvermögens gemacht. Das Ergebnis: Er sah nur Flecken von wechselnden Helligkeitsstufen. Die Gesichter der Menschen waren ihm wie verschwommene Flecken und erst nachdem er die Stimme eines Arztes gehört hatte, hat er verstanden, worum es sich bei diesem Fleck handelte.

Seine Psychologen haben ihn in ein technisches Museum geführt – in eine Welt, woran der Patient Interesse und Freude hatte. Es waren dort viele Werkzeuge, mit denen er bisher ganz selbstverständlich hantiert hatte – aber als er aufgefordert wurde, zu beschreiben, was er sah, konnte er nichts sagen. Erst als er die Werkzeuge anfassen durfte, erst dann erklärte er: Jetzt!... kann ich sie auch sehen!

Unser Sehen geschieht nicht automatisch. Licht und Augen reichen nicht aus, um das Sehvermögen zu ermöglichen. Das Licht konnte durch die jetzt klare schwarze Pupille des Patienten fallen, das ganze Auge war organisch intakt und doch stellte sich zunächst noch kein entsprechendes Bild ein. Erst allmählich lernte er sehen, also Licht, Farben und Formen zusammenbringen, und das war ein langer und anstrengender Prozess.

In den ersten Lebensjahren des Kindes bilden sich die visuellen wie auch andere, zum Beispiel motorische Fähigkeiten heraus. Bleibt diese Gelegenheit ungenutzt, so fällt es später aussergewöhnlich schwer, diese nachzuholen. Hat ein Kind in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung keine Gelegenheit, Formen zu sehen, dann bleibt es blind.

Sehen kann man nicht einfach, man muss es vollkommen erwerben.
Die Welt sehen zu lernen, ist die Aufgabe der Eltern und der Erzieher. Die ganze Welt um uns herum – mit ihren faszinierenden Daseinsformen und Entstehungsprozessen – ist dem bloß äusseren Sinne erst mal nicht gegeben, sie ist angewiesen auf das innere Leben der Erwachsenen. Angeregt von unseren kognitiven Erfahrungen, beginnt die Welt für das Kind Gestalt und Bedeutung zu bekommen.

Und Gott sehen zu lernen – ist ein zusätzliches, gar nicht leichtes Unternehmen im Religionsunterricht. Sinnesorgane dafür auszubilden, betrachten wir als unsere Aufgabe.
Schon das äussere Licht, das so beschaffen ist - dass es alles sichtbar macht, aber es selbst unsichtbar bleibt, muss man sehen lernen.
Umso mehr das Licht aus dem Licht!