Predigt zu Johannes 8, Die Ehebrecherin

von Monica Culda, Pfarrerin in Wien

Was ist christlich?
Unter den Fragen, die nach 2000 Jahren Christentums immer noch schwer zu beantworten sind, steht auch diese Frage: Was ist eigentlich christlich?

Wenn man vielleicht einen netten Nachbarn hat, der der jüdischen Gemeinde angehört, dann könnte man auf den Gedanken kommen, ihm entgegenkommend, höflich zu sagen: Wir haben doch Einiges gemeinsam: so zum Beispiel das Alte Testament. Dann darf man aber nicht überrascht sein, wenn der Nachbar gar nicht so begeistert ist, wie man vielleicht erwartet hat. Das kann man verstehen, denn für die Juden gibt es nicht das Alte Testament und das Neue Testament. Für sie ist das, was wir als das Alte Testament bezeichnen – die Schrift, die heilige Schrift.

Wenn wir jetzt vor die Frage gestellt sein würden: „Sind die zehn Gebote christlich?“, dann müsste man entschieden antworten können: Nein, die sind nicht christlich! Sie sind das Gut des Judentums. Das, was im Christentum neu aus einem anderen Geist ist als die zehn Gebote, ist die Bergpredigt, Matthäusevangelium, Kapitel 5:

"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur begehrend ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Jesus sagt uns, dass schon gesündigt hat, wer nur mit dem Gedanken abgleitet.

Die Tatsache eines Ehebruchs kann man ganz konkret feststellen. Christlich ist es aber, auf die Qualität meiner Gefühle, Gedanken zu achten, und die kann niemand anderer einschätzen, als ich selbst. Nur ich kann mit mir selbst vor Gericht gehen und entscheiden, ob etwas jetzt richtig ist oder nicht. Das Judentum hat das Gesetz (ho nomos) und den gerechten Menschen. Das Christentum hat den auto-nomen Menschen, den Menschen, der sich selbst Gesetze gibt und Verantwortung dafür trägt. In diese Verantwortung stellt Jesus die Ehebrecherin, die er nicht verurteilt. Er sagt zu ihr: „Gehe hin und sündige von jetzt an nicht mehr.“ (Johannes, Kapitel 8)

Die großen Menschen des Christentums, die Heiligen, sind nicht diejenigen, die immer unschuldig geblieben sind, sondern diejenigen, die ihre Schuld überwunden haben. „Die wirkliche Reinheit“ – sagt Friedrich Benesch – „ist nicht die ursprüngliche Reinheit, sondern die gereinigte Unreinheit. Und das wahrhaft Gute ist nicht das ursprünglich Gute, sondern das überwundene Böse.“

Das ist Substanz des Christentums. Jede Schwäche, jeder Todespunkt, der im Licht aufgehoben und Tag für Tag weiter verwandelt wird.